Home Landkreis Mayen-Koblenz Landwirtschaft hängt am seidenen Faden – Blockade des Lidl-Zentrallagers Koblenz

Landwirtschaft hängt am seidenen Faden – Blockade des Lidl-Zentrallagers Koblenz

Koblenz | 5. Februar 2024 | (ww). Für gute zwölf Stunden haben Landwirte und Unterstützer aus allen Bereichen des täglichen Lebens das Lidl-Zentrallager am Autobahnkreuz Koblenz lahmgelegt. Mit 400 bis 500 Fahrzeugen waren die Kundgebungsteilnehmer aus dem Norden von Rheinland-Pfalz am Sonntagabend in das Gewerbegebiet an A61 und A48 gereist, um ihren Unmut über die Agrarpolitik insgesamt und die Preisdiktate der „Handelsriesen“ kund zu tun.

Kernelement der Protestkundgebung: ein 200 Tonnen-Kran der Firma Hack Schwerlastservice mit Niederlassungen unter anderem in Koblenz und Neuwied wurde in der Einfahrt zum Zentrallager platziert und zog einen sechs Tonnen schweren Traktor in luftige Höhen. Das passende Motto dazu wurde zum Leitsatz des Abends, der Nacht und des frühen Montagmorgens: „Die Landwirtschaft hängt am seidenen Faden“.

Andreas Jung vom Verein „Land schafft Verbindung“ (LSV), selbst Landwirt und einer der Anmelder und damit Verantwortlichen für die Protestkundgebung, zeigte sich am Montagmorgen „sehr zufrieden“ mit der Aktion. Mit dem Ende des Sonntagsfahrverbotes war es LKW nicht möglich das Zentrallager anzufahren oder dieses wieder zu verlassen. Dafür sorgten die zahlreichen Traktoren, LKW aber auch zig PKW, die sich der Kundgebung angeschlossen hatten. Absolut dicht gemacht hatte ein Mähdrescher mit extra breitem Mähwerk die direkte Zufahrt zum Zentrallager, doch auch die zahlreichen Traktoren sorgten trotz freigehaltenem Rettungsweg dafür, dass für die Sattelzüge oder LKW-Gespanne kein Durchkommen war.

Bis kurz vor neun Uhr am Montagmorgen blockierten Traktoren und ein überbreiter Mähdrescher die Ein- und Ausfahrten des Zentrallagers.

Eine weitere plakative und symbolträchtige Aktion neben zahlreichen emotionalen Redebeiträgen: ein Teil der Traktoren stellte sich entlang der Zufahrt zum Zentrallager auf, dann wurde die Luft aus den Reifen gelassen. „Die Lebensmittel-Riesen nehmen uns die Luft zum Arbeiten, aber auch zum Leben, das wollten wir damit verdeutlichen“, erklärt Andreas Jung, der „mittlerweile leider gezwungenermaßen zum Demoprofi geworden“ ist. Bereits für die Großaktion am 8. Januar auf der A3, A48 und A61 zeichnete er als Anmelder verantwortlich und meint: „Ich hätte auch durchaus Besseres zu tun, aber wir müssen uns jetzt Gehör verschaffen. Es sterben täglich zehn Betriebe in Deutschland und es ist auch längst kein Geheimnis mehr: viele Landwirte beschäftigen Existenzängste und sogar Suizid-Gedanken, auch darüber muss man sprechen.“

„Das war ein ganz starkes Zeichen“, fasst Andreas Jung am Montagmorgen vor dem Zentrallager zusammen. „Wir wollen es eigentlich nicht, wir haben auf unseren Höfen genug zu tun, aber wenn wir müssen, können wir so etwas auch tage- oder wochenlang durchziehen. Wir brauchen langfristige Planbarkeit und Verlässlichkeit aus Politik und Handel sowie ein klares Bekenntnis zur heimischen Grundversorgung“ – sonst müssten bald minderwertige, nicht kontrolliert angebaute Produkte aus dem fernen Ausland teuer eingeführt werden. „Qualitativ hochwertige Lebensmittel aus Deutschland müssen für Jeden bezahlbar für bleiben.“

Zufälliger Schnappschuss während der sehr emotionalen Ansprache von Organisator Andreas Jung vom Fahrerhausdach des Mobilkrans. Mit dem Rücken zur Kamera ist „Promi“-Landwirt und Social-Media-Legende Markus Wipperfürth während des Live-Streams zu sehen.

Erfreulich viele „normale Menschen“ hatten sich dem Protest angeschlossen, zahlreiche Bewohner der Region waren den lautstarken Konvois mit den blinkenden Rundumleuchten oder den Aufrufen in diversen Online-Gruppen gefolgt und drückten ihre Zustimmung zu den Forderungen der Landwirte, Winzer und Transporteure durch anhaltenden Applaus nach den Ansprachen aus. Prominente Unterstützung gab es in der Protestnacht auch: Kult-Landwirt und Social-Media-Legende Markus Wipperfürth, vielen in der Region durch die Hilfe nach der Ahrflut bekannt, hatte die Anreise vom Heimathof in Stommelerbusch bei Dormagen (nördlich von Köln) auf sich genommen um die Landwirte bei ihrer plakativen Aktion am Autobahnkreuz nicht nur durch seine mehr als eine halbe Million Follower auf Facebook mit einem ausführlichen Live-Stream zu unterstützen. Ein Interview mit Markus Wipperfürth gibt es im 56aktuell-Live-Video (ab 6:45 Min) vom Sonntagabend.