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    Mainz / Region. Die Skandale rund um die Ermittlungen zur Flutnacht im Ahrtal reißen nicht ab. Nach den auf mysteriöse Weise nach 14 Monaten plötzlich aufgetauchten Hubschraubervideos ist jetzt auch noch ein schriftlicher Einsatzbericht „aufgetaucht“ – der noch am Abend des 14. Juli 2021 dem Lagezentrum im Innenministerium per E-Mail übermittelt wurde. Von dem Hubschrauber-Einsatz existieren damit nicht nur Videos, Fotos und mündliche Berichte der Piloten – sondern auch ein schriftlicher Einsatzbericht. Allesamt zeigen und schildern sie eine katastrophale Lage mit Menschen in Lebensgefahr. Das meldete am Wochenende jetzt zuerst die Internetzeitung „Mainz &“ der Journalistin Gisela Kirschstein.

    Die Hubschrauber-Besatzungen hatten nach Mainz&-Recherchen direkt nach der Landung am Abend des 14. Juli 2021 einen schriftlichen Einsatzbericht gefertigt und diesen nach Telefonaten und dem Übersenden von Fotos per E-Mail an das Lagezentrum des Innenministeriums geschickt. Die Telefonate und die Fotos haben Innenminister Roger Lewentz erreicht, das hat er mittlerweile dem Untersuchungsausschuss mehrfach eingeräumt. Allerdings habe das „kein umfassendes Lagebild“ über eine sich anbahnende Katastrophe ergeben, sondern „lediglich punktuelle Informationen“. Der jetzt ebenso mysteriös im Aktenraum des Untersuchungsausschusses vor etwa drei Wochen aufgetauchte zusätzliche Einsatzbericht beschreibt „in aller Kürze und zugleich in aller Deutlichkeit die dramatische Lage im Ahrtal“, so Mainz&. Lewentz bestreitet bis heute die Videos vor seiner zweiten Aussage im Untersuchungsausschuss gesehen zu haben. Sein Ministerium hat nach dem nun aufgetauchten Einsatzbericht der Rhein-Zeitung und dem SWR eine gleichlautende Stellungnahme abgegeben:

    Der Bericht sei per E-Mail um 00:53 Uhr im Lagezentrum des Innenministeriums eingegangen. Er habe Innenminister Roger Lewentz in der Nacht der Hochwasser-Katastrophe aber nicht vorgelegen, so eine Sprecherin des Innenministeriums gegenüber beiden Medien am Sonntag. Eine Pressemitteilung dazu aus dem Innenministerium dazu gibt es bislang nicht.

    Was steht im Einsatzbericht?

    In dem Bericht, überschrieben mit “Flugauftrag Nr. 5942, Anforderer MdI RP”, der „Mainz&“ vorliegt heißt es unter anderem:

    “So stehen ab der Ortslage Dernau bis zur Ortslage Schuld, in fast allen Gemeinden entlang der Ahr, zahlreiche Häuser bis zum Dach im Wasser. Viele Bewohner konnten sich hierbei nur noch über Taschenlampen (Signalgebung SOS) bemerkbar machen, da nahezu überall der Strom ausgefallen ist. Darüber hinaus war es den Kräften der FFW aufgrund der starken Strömung nicht möglich, die angesprochenen Häuser mit Booten anzufahren.” Der Bericht erwähnt zudem explizit mehrere eingestürzte Häuser, Personenschäden und enorme Sachschäden – und Personen, die wohl samt Wohnwägen weggespült worden seien.

    Seit dem Wochenende melden nun immer mehr Medien: das Ministerium und der Innenminister geraten weiter unter Druck – wieviel Dokumente, welche Aussagen müssen noch auftauchen, bis das auch endlich dort erkannt wird und Folgen hat?

    Ein Kommentar von Willi Willig:

    Neues aus dem Verteidigungsministerium

     

    Nur „punktuelle Informationen“ habe er gehabt, aber kein „umfassendes Lagebild“, betont der Innenminister nahezu gebetsmühlenartig.

     

    Die erschütternden Bilder aus den vom Polizeihubschrauber aufgezeichneten Videos sind mittlerweile öffentlich, zeigen laut Lewentz nur „ein sehr starkes Hochwasser“, aber „keine eingestürzten Häuser, keine Toten, keine verstopften Brücken“.

     

    Dass man aber eingestürzte Häuser im Hochwasser logischerweise eben nicht auf einem Video sehen kann – es sei denn, das Video zeige den eigentlichen Moment des Einsturzes – ist ein ebenso fragwürdiges Argument, wie etwa nicht zu erkennende Tote. Für die würde Gleiches gelten, solange sie in ihrer Wohnung, im Fahrzeug oder Wohnwagen ertrunken wären. Aber das könnte man auch als „spitzfindig“ beschreiben.

     

    Definitiv nicht mehr wegzuerklären ist aber, dass neben Fotos und Telefonaten, die ja Einklang in mindestens eine Textnachricht an die Ministerpräsidentin (00:58Uhr; „Liebe Malu, die Lage eskaliert. [..] Es kann Tote geben/gegeben haben.“) gefunden haben, obwohl sich der Verteidigungs…, Entschuldigung, mein Fehler!… der Innenminister im Ausschuss nicht mehr daran erinnern konnte, woher er diese Information hatte.

     

    Etwas mehr als 20 Kilometer sind es übrigens, dem Verlauf der Ahr folgend, von Dernau bis Schuld – damit war nach Telefonaten, Bildern, damals nicht angekommenen Videos und nun auch noch einem schriftlichen Lagebericht eindeutig klar, dass bereits an der Hälfte der Ahr alle Ortschaften meterhoch unter Wasser standen und Menschen um das blanke Überleben kämpften – dokumentiert von einer Hubschrauberbesatzung, die das Innenministerium beauftragt hat, herauszufinden, ob in Schuld wirklich Häuser eingestürzt sind.

     

    Da hätte ich noch eine Frage an die Verteidigung: warum wunderte sich denn dann niemand der Menschen, die damit beruflich zu tun haben, dass die angeforderte Information nicht eintrifft?  Dafür müsste doch – neben aller Erinnerung – auch noch ein Hubschrauber verloren gegangen sein… #ich frage nur für einen Freund

    Bildquelle Artikelbild: Polizei Rheinland-Pfalz

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