Selters | 27. August 2026 | Luca Weilberg. Im Januar 2011 hatte Gaby Berges für fünf Monate genau eine Besucherin – und kaum Geld, weil die Kreisverwaltung die neue private Tagesbetreuung zunächst nur stundenweise bezahlte. 15 Jahre später steht W.I.R. in Selters für eine kleine, feste Gemeinschaft schwerst beeinträchtigter Erwachsener, die tagsüber betreut werden. Für Gaby Berges zählt dabei vor allem eines: der einzelne Mensch und nicht die Größe der Gruppe.
Es gibt Menschen, bei denen man irgendwann aufhört, sie nur als Verwandte zu sehen. Man kennt ihre Arbeit, ihre Überzeugungen und die Art, wie sie über die Menschen spricht, die sie begleitet. Und irgendwann merkt man, dass dahinter eine Geschichte steckt, die auch unabhängig von der eigenen Familie erzählt werden sollte.
Meine Großcousine Gaby Berges gehört für mich zu diesen Menschen. Deshalb war dieses Gespräch ein etwas anderer Interviewtermin. Natürlich ist da die persönliche Verbindung. Gleichzeitig wollte ich die Geschichte so führen wie jedes andere Gespräch auch: mit Fragen, mit etwas Abstand und vor allem mit dem Versuch, eine ehrliche Geschichte zu erzählen und keine Familienwerbung.
Denn W.I.R. in Selters gibt es inzwischen seit 15 Jahren.
Der Mut, etwas Eigenes aufzubauen
Gaby Berges betreibt am Alten Hof 10 in Selters eine Tagesbetreuung für schwerst beeinträchtigte erwachsene Menschen. Übernachtet wird bei W.I.R. in Selters nicht. Die Idee für die eigene Einrichtung entstand aus ihrer vorherigen Arbeit. Dort habe sie vor allem die großen Gruppen als schwierig empfunden. „Gestört hat mich am meisten, dass es so große Gruppen waren und die Leute in den Gruppen sehr unterschiedlich waren“, erzählt Berges im Gespräch. Dazu sei es oft laut gewesen und gerade bei Urlaubs- oder Krankheitsfällen habe man teilweise allein oder nur mit einem Kollegen oder Praktikanten vor einer großen Gruppe gestanden.
Das beschäftigte sie auch nach Feierabend. „Ich bin oft nach Hause gegangen abends und habe überlegt: Hast du mit dem einen oder dem anderen heute überhaupt irgendwas gesprochen, hast du was mit dem gemacht?“ Für Berges war das auf Dauer unbefriedigend, weil es aus ihrer Sicht nicht individuell genug war.
Den entscheidenden Anstoß bekam sie schließlich von der Schwester einer Tagesbesucherin, die bis heute bei W.I.R. in Selters betreut wird. Sie habe damals zu ihr gesagt: „Gaby, das kannst du selbst, mach dich selbstständig, die Anja kommt zu dir und wir stehen zu dir und das schaffen wir.“ An diesen Satz erinnert sich Berges auch 15 Jahre später noch genau.
Den Schritt in die Selbstständigkeit ging sie allerdings nicht allein. Ihre Tochter Nathalie und ihr Mann unterstützten sie beim Aufbau und stiegen selbst mit ein. „Ohne meine Familie hätte ich diesen Mut nie gefasst“, sagt Berges. Die Arbeit in der kleinen Einrichtung bedeutete für die Familie zunächst auch finanzielle Abstriche gegenüber einer Beschäftigung in größeren Einrichtungen.
Ein Start mit vielen Fragezeichen
Die ersten Monate waren alles andere als einfach. Von Januar bis Mai 2011 hatte W.I.R. in Selters nur eine Besucherin. Gleichzeitig war die Finanzierung unsicher. Berges berichtet, dass die Kreisverwaltung Montabaur die neue Einrichtung zunächst nicht habe dulden wollen und deshalb nur stundenweise bezahlt habe.
„Wenn Samstag, Sonntag, Ostern, Feiertag war, dann haben wir da ohne Geld gestanden“, erzählt sie. Das sei „sehr, sehr schwierig“ gewesen, bis man sich schließlich eine Lobby verschafft habe.
Die nächste große Herausforderung folgte wenig später: ein eigenes Haus. W.I.R. in Selters war kein Verein und hatte keinen großen Träger im Hintergrund. Die Investition wurde aus eigenen Mitteln gestemmt. „Die größte Herausforderung war eigentlich zu entscheiden, wir kaufen ein Haus, wir gehen in die Investition rein“, erinnert sich Berges.
Natürlich sei damit auch die Sorge verbunden gewesen, ob es finanziell funktionieren würde. Umso größer war der Moment, als das Haus tatsächlich da war: „Der schönste Moment war, als ich gemerkt habe, wir haben das Haus, wir haben uns da eingerichtet und es konnte losgehen.“
Jeden Menschen so nehmen, wie er gerade ist
Was individuelle Betreuung für Berges bedeutet, zeigt sich nicht in einem Konzeptpapier, sondern jeden Morgen aufs Neue. „Ganz konkret bedeutet für mich individuelle Betreuung, auf den Einzelnen einzugehen“, erklärt sie. Wenn die Besucher morgens kommen, müsse man zunächst wahrnehmen, wie es ihnen geht: „Wie ist der, diejenige drauf, hat die schon Ärger gehabt, geht es ihr gut, fühlt sie sich in der Lage heute den Tag gut zu überstehen oder ist sie krank?“
Dann gehe es darum, auf das einzugehen, was der jeweilige Mensch an diesem Tag braucht – auf Beschwerden, Ängste und die ganz persönlichen Bedürfnisse.
Wie viel das ausmachen kann, erlebt Berges derzeit bei einer Besucherin, die seit November vergangenen Jahres zu W.I.R. in Selters kommt. Am Anfang sei sie sehr zurückhaltend gewesen. Mittlerweile erkenne sie an kleinen Gesten, dass sie sich wohlfühle. „Wenn die jetzt morgens aus dem Bus steigt, begrüßt sie einen schon oder nimmt einen in den Arm und wird mal durchgeknuddelt“, erzählt Berges. Und auch am Nachmittag steige sie „genauso gut gelaunt und fröhlich wieder in den Bus“.
Für Berges ist genau das ein Zeichen dafür, dass jemand angekommen ist.
Was 15 Jahre Betreuung mit einem selbst machen
Wenn Berges darüber spricht, was sie von den Menschen gelernt hat, die sie betreut, fällt vor allem ein Wort: Dankbarkeit. „Dankbarkeit, dass es einem gut geht, dass man ein freies Leben führen kann, dass man sich entscheiden kann: Mit wem wohne ich zusammen, wo wohne ich, wo arbeite ich“, sagt sie.
Viele Menschen mit Behinderung hätten diese Möglichkeiten nicht in derselben Form. Sie lebten häufig in Gruppen und müssten sich dort entsprechend einfügen.
Gleichzeitig gibt es eine Eigenschaft, die Berges an ihren Besuchern besonders fasziniert. „Wenn die auf was keine Lust haben, dann machen sie es auch nicht“, sagt sie. Im normalen Leben funktioniere das anders. „Und wir in unserer Gesellschaft, wir müssen und wir haben Verpflichtungen.“ Gerade deshalb bewundere und beneide sie ihre Besucher manchmal um diese Konsequenz. „Die sagen: Geht nicht, mache ich nicht. Da bewundere und beneide ich sie oft und finde es einfach klasse.“
Warum W.I.R. in Selters bewusst klein bleibt
Dass W.I.R. in Selters eine kleine Einrichtung geblieben ist, hat einen konkreten Grund. „Wir haben halt sehr schwerst Beeinträchtigte, die in großen Gruppen nicht klarkommen“, erklärt Berges. Dazu gehörten auch autistische Menschen, die Schwierigkeiten haben könnten, wenn viele Menschen gleichzeitig da seien.
„In dem kleinen Rahmen, mit meinem super Team, mit meinem guten Betreuungsschlüssel, können wir genau auf diese Situationen minütlich eingehen“, sagt sie. Für Berges bedeutet klein deshalb nicht automatisch weniger. Gerade die überschaubare Größe ermögliche es, genauer hinzusehen und schneller zu reagieren.
Inklusion beginnt bei Begegnungen
Beim Thema Inklusion fällt Berges’ Antwort zunächst ernüchternd aus. Sie erlebe Inklusion in der Gesellschaft noch lange nicht so, wie sie sein sollte. Gleichzeitig zeigt ihr gerade die eigene Nachbarschaft, wie es funktionieren kann. „In unserer Nachbarschaft leben wir Inklusion, da werden wir so angenommen, wie wir sind.“
Es sind oft die kleinen Dinge, die für sie den Unterschied machen. Nachbarn nehmen beispielsweise Pakete an, die später abgeholt werden. Die Menschen von W.I.R. in Selters gehören für sie ganz selbstverständlich zur Nachbarschaft.
Auch unterwegs macht Berges überwiegend positive Erfahrungen. Beim Essen gehen oder bei Ausflügen würden ihre Besucher freundlich aufgenommen. Einmal habe eine fremde Person sogar die Rechnung übernommen. Trotzdem gebe es gesellschaftlich noch viel zu tun.
„Im Großen und Ganzen, finde ich, müsste mehr in der Jugendarbeit stattfinden“, sagt Berges. Kindergärten und Schulen sollten Einrichtungen besuchen oder gemeinsame Aktivitäten organisieren. Es müsse mehr Begegnungen geben. Als Beispiel nennt sie ihren Enkel: „Der ist damit groß geworden, für den sind die Leute top und der sieht da überhaupt keinen Unterschied.“
Dass andere Menschen manchmal über Menschen mit Behinderung lachen oder sie belächeln, findet Berges deshalb besonders schade. Es brauche mehr Öffentlichkeitsarbeit – vor allem aber mehr echte Begegnungen.
Der Alltag: Gemeinsam am Tisch
Im Kern bietet W.I.R. in Selters eine Tagesbetreuung. Ein wichtiger Teil des Konzepts ist, dass die Mitarbeiter die Besucher morgens selbst abholen und nachmittags wieder nach Hause bringen. So bleibe der Kontakt zu Wohnheimen, Eltern und Betreuern unmittelbar bestehen, erklärt Berges: „Nicht über irgendwelche Dritte.“
Der Alltag selbst ist bewusst gemeinschaftlich gestaltet. „Wichtig ist mir, dass wir zusammen am Tisch sitzen, dass es gutes, leckeres Essen gibt“, sagt sie. Pflege gehöre natürlich dazu, stehe für sie aber nicht im Mittelpunkt. „Pflege gehört auch dazu, aber für uns eigentlich nur nebenbei, sondern die Kommunikation und die Gemeinschaft.“
Vielleicht liegt genau darin der Kern von W.I.R. in Selters: Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen unter einem Dach zu versorgen. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen und jeden einzelnen Menschen wahrzunehmen.
56aktuell-Reporter Luca Weilberg im Gespräch mit Geschäftsführerin Gaby Berges:
15 Jahre W.I.R. in Selters
Wie sehr die Einrichtung in Selters inzwischen verwurzelt ist, zeigte sich auch bei der Jubiläumsfeier am 27. August 2026. Eltern, Bekannte, Betreuer und Nachbarn kamen zusammen, außerdem besuchten Verbandsgemeindebürgermeister Oliver Götsch und Stadtbürgermeister Rolf Jung die Feier.
Berges nutzte den Nachmittag vor allem, um Danke zu sagen – den Eltern und Betreuern der beeinträchtigten Menschen, ihrem Team, ihrer Familie und auch den Menschen in der Nachbarschaft. Einen besonderen Dank richtete sie an den DRK-Ortsverein Selters und dessen 1. Vorsitzenden Marco Weilberg, die für die Feier die Räumlichkeiten und das Inventar zur Verfügung stellten.
Auch Jung und Götsch würdigten die Arbeit von W.I.R. in Selters. Jung betonte dabei vor allem die Menschlichkeit und das Vertrauen, das Berges und ihr Team über Jahre aufgebaut hätten. Götsch griff den Gedanken von Inklusion und gesellschaftlicher Teilhabe auf und machte deutlich, wie wichtig es sei, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich ihren Platz in der Gesellschaft haben und Inklusion weiterentwickelt werde.
Am Ende blieb es aber eine Feier, bei der nicht die großen Reden im Mittelpunkt standen. Es wurde zusammengesessen, miteinander gesprochen und natürlich auch Kuchen gegessen.
Die Zukunft gehört der nächsten Generation
Wie es in weiteren 15 Jahren aussieht, weiß Berges selbst nicht. Einen Punkt kann sie allerdings schon ziemlich sicher sagen: „Ich werde in 15 Jahren nicht mehr hier stehen, gehe ich mal von aus.“
Ihre Hoffnung ist deshalb, dass ihre Tochter Nathalie W.I.R. in Selters weiterführt. „Ich fände es halt super, wenn es W.I.R. in Selters in 15 Jahren tatsächlich noch gibt, sodass meine Tochter das weiterhin führt“, sagt Berges. Dafür brauche es dann allerdings ein jüngeres Team. „Wir gehen ja alle schon ziemlich zur Rente.“
Was sich nicht verändern soll, ist der Umgang mit den Menschen. Sie sollen auch in Zukunft genauso wertgeschätzt werden wie heute. Für die Gesellschaft wünscht sich Berges außerdem mehr junge Menschen, die sich bewusst für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung entscheiden – nicht nur wegen des Geldes, sondern aus Überzeugung.
„Ich wünsche mir, dass es viele junge Leute gibt, die in den Beruf gehen und nicht nur weil man Geld verdient, sondern die mit Liebe da reingehen und mit Verständnis die Leute so akzeptieren, wie sie sind“, sagt sie. Und dann folgt noch einmal ihr Grundgedanke: „Jeder Mensch ist individuell, und unsere Leute sind einfach top.“
Ein Satz für das Jahr 2011
Zum Schluss geht es noch einmal zurück zum Anfang. Was würde Gaby Berges ihrem eigenen Ich aus dem Jahr 2011 heute sagen?
Die Antwort kommt sofort: „Gaby, mach dir doch nicht so viele Gedanken, schlaf doch nachts, verlass dich auf deine Familie und dein Team und pack es einfach an.“
Vielleicht ist das der passendste Satz für 15 Jahre W.I.R. in Selters.
Denn am Anfang standen eine Idee, eine Besucherin, ein Haus, viel Unsicherheit und eine Familie, die gesagt hat: Wir schaffen das.
15 Jahre später ist daraus ein fester Ort geworden. Ein Ort, der bewusst klein geblieben ist. Und ein Ort, an dem nicht die Größe der Gruppe zählt, sondern der Mensch, der gerade vor einem steht.
Vielen herzlichen Dank für die Möglichkeit, miteinander zu sprechen und einen Einblick in 15 Jahre W.I.R. in Selters zu bekommen. Für die Zukunft wünschen wir weiterhin alles Gute!
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