Home Blaulicht Eine neue Ära für den Katastrophenschutz im Rhein-Lahn-Kreis

Eine neue Ära für den Katastrophenschutz im Rhein-Lahn-Kreis

Neue Unterkunft, Fahrzeuge und Ausstattung lassen Schnelleinsatzgruppe (SEG) im nicht mehr ganz so neuen Jahrtausend ankommen

Singhofen | 6. Juli 2026 | Willi Willig. Wenn man am vergangenen Freitag in die Gesichter von Maik Sauerwein und seinem Team bei der Schnelleinsatzgruppe (SEG) des DRK geschaut hat, hätte man meinen können Weihnachten und Ostern wären auf einen Tag gefallen. In einem (endlich) nagelneuen Zuhause im Singhofener Gewerbegebiet haben Personal und Material der Einheit Betreuung (SEG-B) der Katastrophenhilfe des Rhein-Lahn-Kreises wohl erstmals in ihrer Geschichte eine, der Aufgabe und der hochengagierten ehrenamtlichen Arbeit angemessene, Bleibe bezogen. Und: auch der Fuhrpark bzw. der technische Materialbestand wurde ergänzt. Allerdings hat die SEG insgesamt da auch immer noch aktuell deutlichen Bedarf – seit dem Ende des kalten Krieges wurde die Einheit, die aus dem Bevölkerungsschutz mit Kriegsszenarien hervorgegangen ist, eher stiefmütterlich behandelt.

„Der durch den Bund finanzierte Bevölkerungsschutz hat nach dem Ende des kalten Kriegs jahrzehntelang keine Rolle mehr gespielt. Das merkt man nicht nur an der Ausstattung der SEG – die heute ganz andere, im Katastrophenfall eminent wichtige Aufgaben hat – sondern zum Beispiel auch an den Sirenen. Auch da müssen wir uns zurzeit völlig neu aufstellen“, räumt auch Landrat Jörg Denninghoff im 56aktuell-Interview ein. Die durch diese Erkenntnis ausgelösten Veränderungen führen jetzt für die hochengagierten Helfer quasi zum Beginn einer ganz neuen Ära. Schon alleine der Umzug aus den bisherigen Räumlichkeiten in die nagelneue Halle neben der Werbemittel-Firma Gotthardt in der H.-W.-Schmitz-Straße kann eigentlich nur als Quantensprung bezeichnet werden. Helle, ausreichend große Räumlichkeiten, darunter Schulungs- und Personalräume, eine Küche, zwei Räumen mit je einem Spind für jeden Ehrenamtler und neben getrennten Toiletten auch tatsächlich Duschen – was heutzutage eigentlich normal sein sollte, gehörte für die SEGler lange Jahre ins Reich der Träume. Den Traum können sie jetzt in der Halle, die der Full-Service-Dienstleister für Werbetechnik, Textilveredelung und Werbeartikel eigentlich für eigenes Erweiterungspotenzial gebaut und jetzt für fünf Jahre an den Kreis bzw. den Katastrophenschutz vermietet hat, endlich ausleben. Auch ein Hochregallager, um weitere Ausrüstungsgegenstände, wie z.B. Feldbetten, Schlafsäcke und Hygieneartikel vorhalten zu können gehört übrigens zur neuen Ausstattung.

Dazu passt auch die Ergänzung von technischem Material und Fuhrpark: ein Notstromaggregat mit Anhänger zur autarken Versorgung der SEG im Einsatz, ein zeitgemäßes Mehrzweckfahrzeug mit Stauraum und Platz für fünf Aktive wurden am Freitag offiziell übergeben. Zusätzlich wurde der neue Küchenanhänger der SEG-Verpflegung in Dienst genommen. Dieser ersetzt den alten Feldküchenanhänger (ebenfalls noch aus den Zeiten des kalten Kriegs) und ist im Normalfall in Katzenelnbogen stationiert. In Singhofen versorgte er die Gäste mit kalten Getränken, Spießbraten und Kartoffelgratin und dient im Normalfall zur Versorgung von 300 Betroffenen mit jeweils drei Mahlzeiten pro Tag – eine Großküche auf Rädern im Imbisswagen-Format.


In der kleinen Feierstunde betonten Landrat Jörg Denninghoff und DRK Präsident Zlatko Neckov die Wichtigkeit der SEG für den Katastrophenschutz im Rhein-Lahn-Kreis. Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Guido Erler bedankte sich insbesondere für das ehrenamtliche Engagement der Einsatzkräfte. Im Rahmen der Veranstaltung wurde dann auch noch eine Ernennung vorgenommen: Friedrich Nowara wurde durch den DRK Kreisbereitschaftsleiter Matthias Weise und Notarzt Frank „Abi“ Abraham zum Gruppenführer der Einheit Sanität, dem dritten Baustein der SEG neben Betreuung und Verpflegung ernannt.

Für die Fahrzeuge wurden vom Landkreis rund 260 000 Euro investiert – allerdings steht noch ein Fahrzeug dringend zur Erneuerung aus. Der LKW mit dem das SEG Material in den Einsatz transportiert wird, hat auch schon mehr als 25 Jahre auf dem Buckel, ist eigentlich viel zu klein für das benötigte Material und als Transporter aus dem Bevölkerungsschutz eigentlich gar nicht für die aktuelle Aufgabe geeignet. Das wird jedem, der das SEG – wie zum Beispiel zuletzt bei gleich vier Einsätzen(!) und einer Übung am vergangenen Unwetterwochenende – im Einsatz sieht. Das Ent- bzw. Beladen des LKW wird regelmäßig zum Tetrisspiel für Erwachsene. Nur in einer bestimmten Reihenfolge und Anordnung passen die Rollwagen in das Fahrzeug. Wird zum Beispiel aber nur der hinterste Rollwagen gebraucht, heißt es trotzdem: alles raus und anschließend wieder rein. Eigentlich unhaltbare Zustände in einem auf Ehrenamtlichkeit basierenden Katastrophenschutz. Bei der SEG ist der Wunsch nach Ersatz groß, und auch der Landrat bestätigt im 56aktuell-Interview: „Der Bedarf ist eindeutig erkannt und es wird auch Zeit. Eventuell geht das sogar schneller als alle Beteiligten denken.“ Nach 56aktuell-Informationen gäbe es derzeit eine günstige Gelegenheit zum passenden Ersatz: ein Messefahrzeug von der vergangenen Interschutz könnte unter den Umständen zum sehr sinnvollen und passenden Schnäppchen werden.

Nicht nur bei der SEG, sondern im gesamten Katastrophenschutz des Rhein-Lahn-Kreises hat sich in der jüngsten Zeit erfreulich viel getan. 56aktuell kann nur spekulieren woaran das liegt, aber Stellenwert, Einsatzfähigkeit und Ausstattung der Blaulichtfamilie im Bezug auf die Hilfe in diversen Arten von Katastrophenfällen haben sich deutlich positiv entwickelt. Wem das Verdienst dafür letztlich zugesprochen wird, lässt sich so einfach von außen nicht bewerten. Allerdings teilt 56aktuell durch zahlreiche miterlebte Einsätze und Übungen, die immer wieder in Gesprächen geäußerte Meinung von Beteiligten, dass vieles davon der sehr guten Arbeit und Planung des Teams rund um den Brand- und Katastrophenschutzinspekteur (BKI) Guido Erler zu verdanken ist.