Fachbach | 22. Juni 2026 | Ein stark kommentierender Artikel von Willi Willig. Heute ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass ein Starkregen Fachbach getroffen hat. So wie gerade am vergangenen Freitag Seelbach, Weinähr und Katzenelnbogen getroffen wurden, während am Rhein noch die Sonne schien. Starkregen und vor allem dessen Folgen treten stark lokal auf. Lebt man nur wenige Kilometer weiter oder wenige Meter höher, dann sind das eigene Hab und Gut nicht bedroht, die eigene Gesundheit und manchmal auch das eigene Leben nicht in Gefahr. Wo der massive Regen „runterkommt“ hängt an vielen Faktoren, zu welchen Schäden es kommt an vielen weiteren. Alles Zufall?
Nein, nicht wenn man so vorbereitet ist, wie man nach menschlichem Ermessen sein kann. Nicht wenn man in ehrenamtlichen Gremien Menschen hat, die mit- und weiterdenken. Spätestens aber nicht mehr seit der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, seit dem im Ahrtal 135 Menschen mit ihrem Leben dafür bezahlt haben, dass Politiker (auf vielen Ebenen) versagt haben – und das war auf „halber Strecke“, was den Grund dieses Artikels betrifft. „Das darf nicht mehr passieren“, heißt es spätestens seit dem aus rheinland-pfälzischen Ministerien und Amtstuben. Dabei hat sich durchaus einiges getan im Land, es gibt gute und wirksame Projekte. Aber nicht im Fachbachtal: obwohl der Bauantrag – inzwischen mehrfach gestellt – nach neun Jahren dann endlich „durch“ war, gibt es bislang noch keine Ausschreibung für die Bauarbeiten.
Der 22. Juni 2016 war ein Mittwoch, mit ähnlichen Wetterprognosen wie der vergangene Freitag. Heiß, stickig, Gewitter waren gemeldet. Solche Tage mit Starkregenereignissen gab es im Mai und Juni 2016 viele. Das Wellmicher Bachtal zum Beispiel, wo man jüngst mit dem „Barkenfest“ das zehnjährige NICHT-Wiederherstellen der Straße nach dem Unwetter dort im Mai 2016 „feierte“. Ich war in dieser Nacht im Wellmicher Bachtal, damals noch als Chefreporter für TV-Mittelrhein. Ich traf dort übrigens, welch Zufall, wie fünf Jahre später auch auf dem Weg ins Ahrtal, auf den ehemaligen Innenminister, der mir früh morgens strahlend in Kamera und Mikro erklärte: „Hier wird ganz schnell und unbürokratisch geholfen, Willi!“ Im gleichen Sommer soffen Sauerthal (da wurde ja wenigstens, nach zwei bis drei weiteren Starkregen ein Teil des geplanten Hochwasserschutzes gebaut), aber auch zahlreiche Gemeinden auf den Taunushöhen und -tälern ab. Fachbach hatte bis dahin (fast) immer Glück gehabt – wie sich im Nachhinein bei Gesprächen mit Alterskameraden der Feuerwehr herausstellte passierte gleiches auf den Tag genau 18 Jahre vor dem 22. Juni 2016, also im Juni 1998 schon einmal. Sowohl 1998, als auch 2016, immernoch fünf Jahre vor der verheerenden Ahrtalflut, gab es aber auch noch bei weitem nicht die Warnungen, wie heutzutage. Was es 1998 und 2016 gab, war eine Zelle die sich auf den Lahnhöhen und der Panzerstraße abregnete. Wieviel Liter Regen pro Quadratmeter dabei runterkamen lässt sich heute nicht mehr sagen. Fakt ist: es war jede Menge. Zu viel auf jeden Fall für den Fachbach, vor allem für das alte Einlaufbauwerk am Beginn der Verrohrung oberhalb des Sportplatzes.
Das sollte nicht noch einmal geschehen, nahm sich der leider viel zu früh verstorbene damalige Fachbacher Ortsbürgrmeister Dieter Görg des Problems an. Doch was genau war das Problem? Früher schweißte man gerne möglichst aus Bahngleisen oder massiven Stahlträgern Gitter, die senkrecht vor die Rohre verankert wurden, wo ein Bach wie zum Beispiel der Fachbach unter Plätzen oder Straßen verschwindet. Wenn aber massiver Regen kommt und der Bachpegel steigt, nimmt der Bach dann auch am Rand liegendes loses Holz und Strauchwerk mit, dass dann vor besagtem Gitter landet und für eine so genannte Verklausung sorgt. Äste und Gestrüpp verstopfen dann den Einlauf und der Bach nimmt den nicht gewollten Weg durch das Dorf, leider aber auch durch Keller und Erdgeschosse von Häusern die in Fließrichtung liegen. 2016 wurde noch versucht das Astmaterial mit dem Bagger-Greifarm eines Bauhoffahrzeugs zu entfernen. Doch es zeigte sich die gleiche Situation wie fünf Jahre später an so mancher Ahrtalbrücke: zu viel Wasser kam das Tal hinunter, das brachte sehr viel Ast- und Buschmaterial mit und zu groß war der Wasserdruck – der Einlauf war nicht mehr freizubekommen. Dass die Verbandsgemeinde, damals noch zuständig für die ein so genanntes Gewässer dritter Ordnung, ihrer Räumpflicht eher nur sehr punktuell bis gar nicht nachkam verschlimmerte die Situation am Lauf des Fachbachs. Dabei ist das bei weitem kein Problem, dass es nur in Fachbach gäbe: oft wird aus Kostengründen heutzutage genau daran gespart. In der Verbandsgemeinde, im Kreis, im ganzen Land. Mit verheerenden Folgen für die Anwohner der Bach- und Flussläufe.
Das sollte Fachbach nicht noch einmal erleben müssen, schrieb sich der leider viel zu früh verstorbene Ortsbürgermeister Dieter Görg auf die Fahne. Quasi auf dem Bierdeckel entstand ein Plan. Ähnlich dem „Kuhabweiser“ an einer Western-Dampflok sollte ein weit in den Bachlauf angeschrägtes massives Gitter im Katastrophenfall den Wasserdruck ausnutzen um das mitgeführte Material nach oben wegzudrücken. Mit Bagger- und Greifarmunterstützung sollte dies aber so auf jeden Fall möglich sein und Platz zur Zwischenlagrung des Materials gäbe es auch ausreichend oberhalb des alten Sportplatzes. Direkt nach der Sommerpause, also in der Augustsitzung 2016, beschloss der Gemeinderat, den Plan umzusetzen, das neue Einlaufbauwerk zu errichten. Doch statt genauso zügiger Umsetzung begann ein mühseliger Weg, der gerne exemplarisch für die Absurdität im deutschen Verwaltungssystem stehen kann. Ohne die chronologische Reihenfolge einzuhalten verliefe ALLE Nachfragen des Rates und des Bürgermeisters im Leeren. Mal war der Antrag verschwunden, so die wörtlichen Aussagen aus Kreisverwaltung und dem Bad Emser Rathaus – es vergingen ein, zwei Jahre wie im Fluge.
Dann kam irgendwann die untere Landespflege ins Spiel. Und plötzlich sollte, weil im Bereich des neuen, flach geneigten langen Rechens, auch Reste einer alte Bruchsteinmauer lagen, erstmal zwei Jahre lang – im Beamtendeutsch: Vegetationsperioden – beobachtet werden, ob nicht doch irgendein Salamander oder wenigstens irgendein anderes eventuell schützenswertes Tierchen heimisch sei. Die praktikable Lösung aus Fachbach, wiederum von Alt-Bürgermeister Dieter Görg, dann ziehen wir doch einfach die ganze Maßnahme 15 Meter nach unten – Platz ist wie gesagt ausreichend oberhalb des alten Sportplatzes. Doch damit hatten Rat und Ortschef einmal mehr die Rechnung ohne die Verwaltungen gemacht: für eine Verlegung brauche es einen gänzlich neuen Antrag, inklusive der Prüfung eventueller neuer Naturschutzbedenken. Wo man sich mittlerweile mit dem Projekt auf der Zeitschiene befand?
Ex-Landrat Frank Puchtler: Fünf Jahre sind zu lang für die Bearbeitung des Antrags
Irgendwo im vierten bis sechsten Jahr schätzungsweise. Mittlerweile war auch das Ahrtal „passiert“. Landauf, landab sollten Hochwasserschutzprojekte beschleunigt erfolgen – schließlich hatte man, wenn auch zu spät, sogar in der Landesregierung gesehen, was passiert, wenn man es nicht tut. Es erfolgten Nachfragen in den Verwaltungen und sogar „Vorladungen“ von Verwaltungschefs zu Sitzungen des Gemeinderates. „Baubeginn“ so die wiederkehrende Antwort immer wieder: „Spätestens zum Jahresende“. 2023, 2024 und 2025
Aber in 2026 würde es dann garantiert passieren, so die Auskunft aus der VG- Verwaltung in der Bleichstraße. Im April, spätestens aber im Juni würde gebaut. Vorher ginge es auch nicht, weil der Fachbach ja im Winter und im Frühjahr mehr Wasser führen würde. Den Einwand aus dem Gemeinderat, dass doch gerade die Extremhochwässer im Juni passiert seien und man deswegen doch lieber früher beginnen solle, bleiben ungehört. Ein Baubeginn ist aber weder im April noch im Juni erfolgt. Warum? Weil ein Mitarbeiter der Verbandsgemeinde vergessen hat den Förderantrag zu stellen. Dass die Gemeinde den Antrag nun neu stellen muss erfuhr sie gestern, nachdem ein klärendes Gespräch zur richtigen Vorgehensweise nach einer Erstinformation im April gab.
Im Fachbacher Gemeinderat glaubt mittlerweile niemand mehr daran, dass dieses Jahr noch ein Bagger rollt. Allerdings fühlt sich ein Großteil des ehrenamtlichen Rates, zu dem auch der Autor dieser Zeilen zählt, mittlerweile auf Deutsch gesagt, verarscht. Aber liebe Ratskollegen, eventuell fehlt uns ja doch der Blick für`s große Ganze. Und statistisch gesehen gibt es ja auch gar keinen Grund zur Eile oder gar Panik. Extrem-Niederschäge über dem Einzugsgebiet des Fachbachs sind ja selten. Auf Grundlage der oben angeführten Werte – und offenbar wird diese Vorgehensweise auf der Verwaltungsschule in Mayen gelehrt – gab es in den vergangenen 28 Jahren ja auch nur zwei Hochwässer mit Schadenslagen. Statistisch gesehen oder unter Bemühung der Wahrscheinlichkeitsrechnung ergibt das: alle 14 Jahre wird es nass. Was stellen wir uns denn dann eigentlich so an? Wir haben doch noch vier Jahre Zeit! Dem Autor dieser Zeilen wurde es bei der Wetterprognose am vergangenen Freitag mit einer lila Zone über Fachbach und dem unteren Westerwald jedenfalls echt schlecht. Und für den kommenden Freitag ist wieder Ähnliches gemeldet. Aber statistisch gesehen kann ja gar nix passieren. Und ein wenig Glück gehört schließlich auch dazu, oder?!

