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    Nievern | 9. Juni 2026 | Willi Willig. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ sagt ein Sprichwort. Ein Bild kann aber auch einiges bewegen oder auslösen. So wie jetzt im sonst so kleinen und beschaulichen Nievern. Dort hat ein Bild jetzt ein kommunalpolitisches Erdbeben ausgelöst. Nach der Veröffentlichung eines Fotos auf dem Facebook-Account von Manuel Minor, dem nach eigener Aussage „unabhängigen“ Kandidaten für die Wahl zum Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau am 6. September, hat sich die SPD-Fraktion im Nieverner Gemeinderat aufgelöst. Vier von fünf Fraktionsmitgliedern sind ausgetreten und werden künftig als eigene „Bürgerliste Nievern“ die Dorfgeschicke mitgestalten. In der SPD-Fraktion verbleibt aktuell nur noch ein Ratsmitglied – damit entfällt der Fraktionsstatus für die SPD. 

    In Nievern war am vergangenen Fronleichnam-Donnerstag – wie jedes Jahr – das Pfarrfest angesagt. Zu den Besuchern gehörte auch der betont unabhängig für das Bürgermeisteramt der Verbandsgemeinde kandidierende Manuel Minor aus Nassau. Der stellvertretende Fraktionssprecher der SPD im Nassauer Stadtrat, lief – wie gewohnt – auch zum Pfarrfest in Nievern flankiert von SPD-Urgestein Gisela Bertram in der Sporthalle ein. Wo immer möglich begleiten ihn auch gerne mal die Dausenauer Bürgermeisterin Michelle Wittler (SPD), oder die ehemalige Arzbacher Ortschefin Marlene Mayer, die ebenso wie Bertram zu den Urgesteinen der SPD im Kreis zählt. Auch der Nassauer Stadtchef Manuel Liguori (SPD) begleitet den Kandidaten gerne mal, aber natürlich nur so lange Liguoris neue Herausforderung als stellvertretender Chef der SGD-Nord dem ehemaligen Berufsschullehrer nach kurzem Zwischenspiel im Landtag dafür überhaupt Freiräume lässt. Aber die schon wie der Einmarsch eines Karnevals-Hofstaats anmutende SPD-Begleitung ist wohl Zufall, denn Minor ist ja – wie er sehr gerne betont – unabhängiger Kandidat.

    Just seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur besucht er nahezu jede Veranstaltung in der Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau. Dass man ihn dabei oft auf Festen und in Orten sieht, auf denen er zuvor noch nie gesehen wurde, sei dahin gestellt. In Wahlkampfzeiten ist das zugegebenermaßen aber auch nicht ungewöhnlich. Schon eher ungewöhnlich ist dann, dass die Besuchstour des betont unabhängigen Kandidaten mit dem traditionellen „Dippekoocheessen“ der SPD in Bad Ems begann. Mentor Manuel Liguori hatte das, nebst den üblichen Fotos, auch als erster der Welt mitgeteilt. Seine Worte dazu vom 23. Februar: „Vor dem traditionellen „Dippekoocheessen“ der SPD Bad Ems, gab uns der Vorstand in seiner Sitzung den neuen Kandidaten des Verbandsbürgermeisters der VG Bad Ems-Nassau bekannt. Es erfüllt mich mit großer Freude, dass Manuel Minor für dieses Amt antreten wird und wir ihn dabei unterstützen dürfen.“ Warum der Vorstand der Bad Emser SPD aber VOR der Bekanntgabe der Kandidatur eines unabhängigen Kandidaten überhaupt davon weiß, bzw. auch noch über diesen spricht (oder entscheidet?, die Red.) bleibt offen, bzw. der Phantasie des Lesers überlassen. Und warum dieser Kandidat dann auch noch zufällig zum ersten Mal auf der genannten Veranstaltung weilt, mag der Autor dieser Zeilen gar nicht mehr zu kommentieren. Sicherlich alles nur ein Zufall. Kein Zufall dagegen: auf jeder Veranstaltung die der Kandidat von nun an besuchen wird, werden zahlreiche Bilder gemacht. Und in den sozialen Medien gepostet und fleißig geteilt. Klar, schließlich war sein Konterfei in großen Teilen der fusionierten VG bis dato ja auch eher unbekannt. Daran änderte auch die kurz vor Dienstzeitende des scheidenden SPD-Ministerpräsidenten noch verliehene Verdienstmedaille des Landes eher wenig, aber das ist eine andere – ebenfalls viel diskutierte – Geschichte.

    Wie unabhängig ist ein Kandidat der vom Parteivorstand "gekrönt", vorgestellt und dann über Monate persönlich begleitet wird?

    Auch beim Pfarrfest in Nievern wurden Fotos gemacht. Die teilt der Kandidat selbst auf seinem Account noch am selben Abend auf Facebook – schließlich finden am langen Wochenende für den plötzlich geselligen Nassauer noch einige weitere zu postende Events statt. Soweit so gut. Sollte man denken. In Nievern beginnt danach jedoch ganz schnell der Anfang vom Ende der SPD-Fraktion im Gemeinderat. Warum? Das Foto zeigt die CDU-Kandidatin für die Ortsbürgermeisterwahl in Nievern, Maja Merz, eingerahmt von der lächelnden Gisela Bertram links und dem Beifall klatschenden Vg-Bürgermeister-Bewerber auf der rechten Seite. Der Eindruck bei vielen politisch Interessierten in Nievern, wo sich das Bild wie üblich in Whatsapp-Zeiten, rasend schnell verbreitet: die beiden unterstützen die Kandidatur der engagierten Nievernerin für die ebenfalls am 6. September stattfindende Wahl für die CDU. Dieser Eindruck verfestigt sich, da bislang auch noch kein weiterer Kandidat, etwa der ebenfalls im Gemeinderat vertretenen SPD, öffentlich vorgestellt wurde. Besonders interessant: „im eigenen Stall“, in der örtlichen SPD-Fraktion wird das Foto genauso ausgelegt und führt zur eingangs geschilderten Konsequenz – der eigenen Auflösung. Da die Handelnden in Nievern ihre ehemalige und bis dahin langjährige Mitbürgerin Gisela Bertram genau kennen, steht für sie sowieso fest: Wenn es ein Foto mit der „Grand Dame“ der kommunalen SPD gibt, ist das kein Zufall. Und: „Im Wahlkampf und in Sachen SPD unterlaufen ihr auch keine Fehler“, heißt es übereinstimmend in mehreren Äußerungen zum Geschehen.

    Das Bild links unten in diesem Facebookpost ist der Stein des Anstoßes. Unterstützen Bertram und Minor wirklich die Kandidatin des politischen "Gegners"?

    Stefan Lenz, bis dahin noch (parteiloser) Fraktionssprecher der SPD in Nievern, lässt auf Nachfrage von 56aktuell „die Katze aus dem Sack“: „Das Foto war tatsächlich letztlich der Auslöser. Es gab aber auch schon davor Diskussionen, um meine parteilose Kandidatur für das Ortsbürgermeisteramt. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht als SPD-Kandidat antreten werde. Mit dieser Aussage habe ich ja auch bereits mehr als die nötigen Unterstützerunterschriften für die Kandidatur gesammelt. Die Kandidatur war aber bis jetzt noch nicht öffentlich bekannt gegeben oder bei der Verwaltung eingereicht“. Neben Stefan Lenz haben drei weitere Ratsmitglieder „nach kurzer Abwägung“ den Austritt aus der Fraktion erklärt: „Wir sind ja alle vier sowieso keine Parteimitglieder und insofern haben wir uns dazu entschlossen künftig als neue eigene Fraktion politisch für Nievern zu arbeiten.“ Das habe er auch dem noch amtierenden Nieverner Ortsbürgermeister Lutz Zaun „formlos per E-Mail“ mitgeteilt. Allerdings habe Gisela Betram ihn nach Bekanntwerden des Austritts und damit der faktischen Fraktionsauflösung kontaktiert und in ihrer „bekannt verbindlichen Art“ um ein klärendes Gespräch gebeten. Dem „Wunsch“wolle man auch nachkommen.

    Das bestätigt auch Uwe Bruchhäuser, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau am 56aktuell-Telefon: „Die E-Mail hat mich erreicht. Allerdings ist diese formell noch nicht verbindlich. Dazu müssen alle vier Fraktionsmitglieder noch einzelne Erklärung abgeben, jeder ist ja auch persönlich in den Rat gewählt“, so Bruchhäuser. Das formelle Aus für die SPD Fraktion bestätigt Bruchhäuser aber ebenfalls:“Eine Fraktion muss mindestens aus zwei Ratsmitgliedern bestehen. Wenn vier von fünf Mitgliedern austreten, ist das logischerweise nicht mehr gegeben. Dann erlischt der Fraktionsstatus und damit auch einige Rechte für den verbleibenden Vertreter“, erklärt Bruchhäuser. Direkte Auswirkung wäre nun auch, dass alle Ausschüsse neu gewählt werden müssen, da sich Mehrheitsverhältnisse im Rat verschoben hätten. Die Situation müsse in der Verwaltung nach Eingang der formell nötigen Erklärungen genauestens bewertet werden.

    Kommentar von Willi Willig: „Giselagate“ – was sollte dieses Foto denn wirklich sagen?

    Gisela Bertram. Seitdem ich journalistisch tätig bin ist sie das Paradebeispiel eines SPD-Mitglieds. Kaum jemand in der Verbandsgemeinde hält die Fahnen der ehemaligen Volkspartei genauso hoch wie die mittlerweile Wahl-Bad Emserin. Und kaum jemand lebt dabei Parteiräson so konsequent wie die „Rote Eminenz“. Nicht nur einmal durfte ich erleben, dass zuvor als eigene Überzeugung verkaufte Parteimeinung bei wechselnden Mehrheitsverhältnissen über den Haufen geworden wurden. Oder wie in früheren Legislaturperioden propagierte Ideen plötzlich abwegig waren, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt vom politischen Gegner vorgebracht werden. Doch was ich nie erlebt habe, ist, dass die tonangebende Grand Dame der Genossen einen Fehler oder auch nur eine Unachtsamkeit bei der Vertretung der Parteiinteressen gemacht hätte. Ich persönlich habe deshalb auch keinerlei Zweifel an dem, was mir ein Genosse im Vorfeld zur „Kandidatensuche der SPD“ erzählte und dazu, dass „die Chefin den Kampf um das Emser Rathaus zur ,Chefsache‘ erklärt“ habe. Deshalb bin ich mir auch sicher: das Foto ist ganz bewusst entstanden, sollte aber mit Sicherheit einen anderen Zweck verfolgen. Welchen? Ich weiß es beim bestem Willen nicht. Wenn ihr ‘ne Idee habt – schickt sie mir an willi@56aktuell.de – dann kann ich vielleicht auch wieder schlafen.

    Titelbild: Facebookposting Manuel Minor, Fotograf unbekannt / Beitragsbilder: Screenshots von Facebookpostings von Manuel Liguori bzw. Manuel Minor

    ++update, 11. Juni: Am frühen Morgen erreichte die Redaktion die offizielle und erste Pressemitteilung der neuen „Bürgerliste Nievern“.

    Im Rahmen einer Fraktionssitzung der SPD-Fraktion im Ortsgemeinderat Nievern haben vier der fünf Fraktionsmitglieder ihren Austritt aus der Fraktion sowie die Gründung einer neuen Fraktion beschlossen. Die Gründe für diesen Schritt sind vielfältig. Ausschlaggebend ist insbesondere, dass sich die Zusammensetzung der bisherigen Fraktion durch personelle Veränderungen, wie beispielsweise Wegzüge, in der laufenden Legislaturperiode grundlegend verändert hat.

     

    Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass parteigebundene Fraktionen auf kommunaler Ebene zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Nach unserer Einschätzung hätten sich für die Listen der vergangenen Gemeinderatswahlen deutlich mehr Kandidatinnen und Kandidaten gewinnen lassen, wenn diese nicht unter dem Dach einer Partei angetreten wären. Zwar ist für eine Kandidatur auf einer Parteiliste keine Parteimitgliedschaft erforderlich, dennoch möchten sich viele Bürgerinnen und Bürger für ihre Gemeinde politisch engagieren und zwar unabhängig und ohne parteipolitische Zuordnung.

     

    Besonders wichtig ist uns die Feststellung, dass diese Entscheidung nicht das Ergebnis von Streitigkeiten oder persönlichen Differenzen innerhalb der Fraktion oder der SPD Nievern ist. Vielmehr wurde die Angelegenheit in mehreren Gesprächen sachlich, offen und respektvoll erörtert. Die nun getroffene Entscheidung ist das Ergebnis dieses gemeinsamen Prozesses.

     

     

    Stefan Lenz, parteiloser und unabhängiger Bürgermeisterkandidat für die
    Ortsgemeinde Nievern, ehemaliger Fraktionssprecher der „SPD“-Fraktion und jetziger Sprecher der Fraktion „Bürgerliste Nievern“

    Und noch ein Kommentar von Willi Willig:

    Der mir gegenüber vorgestern bestätigte Zusammenhang zu dem genannten Foto hat bedauernswerter Weise keine Berücksichtigung in der historischen, weil ersten, Pressemitteilung der noch jungen „Bürgerliste Nievern“ gefunden. Ob mit der im letzten Satz erwähnten „Angelegenheit“ eben doch jenes Foto gemeint war, wird wohl auch für immer offiziell offen bleiben. Persönlich schrieb mir der Ortsbürgermeisterkandidat mit der (in Anlehnung an die Duplo-Werbung) wahrscheinlich längsten Tätigkeitsbeschreibung der Welt (siehe oben) heute morgen auf meine Frage, warum das denn nicht erwähnt sei: „Es war der Tropfen die Entscheidung auch umzusetzen. Wollte es halt neutral aussehen lassen“. Dafür habe ich natürlich vollstes Verständnis. Wollte es auch nur der Vollständigkeit erwähnt haben, damit auch meine Berichterstattung möglichst neutral bleibt. 😉

    Hochinteressant finde ich aber in dem Zusammenhang, mit wieviel Worten mittlerweile immer mehr Menschen, die bislang parteilos und (weitestgehend) unabhängig kommunalpolitisch im „roten Mantel“ aktiv waren, plötzlich so deutlich Abstand von der SPD suchen. Das wird doch wohl nicht am Ausgang der vergangenen Landtagswahl liegen? Oder am Handeln der Parteiverantwortlichen in Mainz? #ich frage für einen Freund

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